Nach den ersten 5 Läufen der HardenduroSeries Germany, dem Drapak Rodeo und natürlich dem Erzbergrodeo stand Ende August ein für mich etwas anderes Saisonhighlight auf dem Programm: der Ötztaler Radmarathon.
Das Rennrad ist für mich eigentlich in erster Linie Trainingsgerät und wichtiger Bestandteil meiner Ausdauervorbereitung fürs Hard Enduro. Trotzdem hatte sich der Ötztaler über die letzten Monate zu einem echten persönlichen Ziel und Saisonhighlight entwickelt. Und wenn ich schon einmal an der Startlinie eines der bekanntesten und härtesten Radmarathons Europas stehe, wollte ich natürlich nicht einfach nur irgendwie ins Ziel kommen.
Mein großes Ziel war klar: unter 10 Stunden.
Die Aufgabe dahinter ist alles andere als klein. Der Ötztaler führt von Sölden über Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch zurück nach Sölden. Offiziell stehen am Ende 227 Kilometer und 5.500 Höhenmeter auf der Uhr. 2026 stellten sich 4.281 Fahrerinnen und Fahrer aus 38 Nationen dieser Herausforderung.
Und wie sich später zeigen sollte, erwischte ich ausgerechnet bei meiner Teilnahme eine absolute Rekordedition.
Die letzten Vorbereitungen
Am Freitag ging es ins Ötztal. Den Samstag nutzte ich nur noch zum lockeren Einrollen. Ein paar kurze Intervalle, hohe Trittfrequenzen und zwischendurch einmal kurz richtig Leistung in die Beine – einfach noch einmal den Körper aktivieren, ohne unnötig Körner zu verbrennen. Die eigentliche Arbeit war sowieso längst erledigt. Nach dem einrollen noch Startunterlagen holen und das Fahrrad vorbereiten, alles zurechtlegen und nochmal gut Essen. Sonntagmorgen hieß es dann früh aufstehen und ab an den Start.
Trotz der langen Strecke wollte ich das Rennen zunächst bewusst locker angehen. Im großen Feld rollte es sich Richtung ersten Pass entsprechend gut. Auch wenn die Startphase sehr hektisch und „Eng" war.
Dann kam das Kühtai. Und aus „locker anfangen" wurde relativ schnell etwas anderes.
Kühtai – etwas zu viel Euphorie
Meine Beine fühlten sich richtig gut an und um mich herum mit vielen Ex-Profis und die mehrmalige Siegerin der Damen. Dementsprechend wurde ordentlich Tempo gefahren. Also ließ ich mich ein Stück weit mitreißen. Statt streng meinen eigenen Stiefel zu fahren, blieb ich im schnellen Rennfluss und investierte am ersten Berg wahrscheinlich etwas mehr, als ursprünglich geplant war.
Nach 2:02:01 Stunden war das Kühtai erreicht. Für ein geplantes Sub-10-Rennen definitiv eine offensive Zwischenzeit.
Rückblickend hat mich das natürlich Körner gekostet. Gleichzeitig war es aber auch nicht einfach nur ein Fehler. Durch die gute Position erwischte ich anschließend Richtung Brenner eine große und schnelle Gruppe. Dort konnte ich viel Windschatten nutzen und dadurch auf den schnelleren Kilometern wiederum ordentlich Energie sparen.
Vielleicht habe ich am Kühtai also etwas überpaced – dafür aber eine schnelle Rennposition für die nächsten Stunden gekauft.
Brenner – schnell, aber effizient
Richtung Brenner lief es richtig gut. Die Gruppe war schnell unterwegs, ich konnte mich darin aber gut verstecken und gleichzeitig meine Verpflegung konsequent durchziehen.
Essen, trinken, treten. Genauso hatte ich mir diesen Rennabschnitt vorgestellt.
Die guten Bedingungen spielten uns dabei ebenfalls in die Karten. Wenig Wind und schnelle Gruppen sorgten 2026 generell für ein enorm hohes Tempo. An der Spitze bildete sich eine ungewöhnlich große Gruppe, die gemeinsam bis Richtung Jaufenpass fuhr. Und auch bei mir funktionierte diese Strategie. Trotz des schnellen Kühtais hatte ich weiterhin gute Beine.
Jaufenpass – immer noch alles unter Kontrolle
Am Jaufenpass wollte ich wieder stärker meinen eigenen Rhythmus fahren. Und das funktionierte überraschend gut. Ich konnte den langen Anstieg kontrolliert hochfahren und hatte weiterhin nicht das Gefühl, bereits richtig tief gehen zu müssen. Nach mittlerweile 6:12 Stunden war auch der Jaufen geschafft. In der Abfahrt konnte ich sogar wieder ein paar Positionen gutmachen.
Bis hierhin lief der Ötztaler eigentlich fast perfekt.
Kühtai – geschafft.
Brenner – geschafft.
Jaufen – geschafft.
Ich fühlte mich weiterhin gut und Sub 10 war absolut drin. Es fehlte eigentlich nur noch ein Berg.
Leider heißt dieser Berg Timmelsjoch
Timmelsjoch – jetzt kommt die Abrechnung
Schon im ersten Drittel des letzten großen Anstiegs merkte ich: Jetzt wird es richtig schwer.
Die Leistung, die sich vorher noch relativ selbstverständlich treten ließ, war plötzlich nicht mehr da. Die Beine wurden schwer und ich konnte nicht mehr die Wattzahlen und Kurbelumdrehungen fahren, die ich gerne gefahren wäre.
Dazu kam wahrscheinlich meine Übersetzung. Gerade in den steileren Passagen fehlte mir teilweise der kleine Gang, den ich nach inzwischen sieben oder acht Stunden Belastung dringend hätte gebrauchen können. Statt locker mit einer höheren Kadenz zu drehen, musste ich teilweise einen relativ schweren Gang drücken. Nach mehreren tausend Höhenmetern macht das irgendwann keinen Spaß mehr. Dann war es auch noch fast 38 Grad heiß in St. Leonhard im Passeiertal im schönen Alto Adige (Südtirol).
Also hieß es: Tempo raus, Kopf einschalten und weiterarbeiten.
Die spätere Datenauswertung hat dabei etwas Interessantes gezeigt: Ich bin am Timmelsjoch nicht komplett „eingegangen".
Es gab keinen klassischen Hungerast und auch keinen völligen Leistungskollaps. Vielmehr war nach mehr als sieben Stunden und mehreren tausend Höhenmetern schlicht die kumulierte Ermüdung angekommen. Die Herzfrequenz sank, die Leistung wurde niedriger – aber mein Körper konnte weiterhin arbeiten.
Das passt ziemlich gut zu dem, wie es sich angefühlt hat: Nicht leer. Aber einfach richtig, richtig müde.
Dazu kamen die Höhe, die enorme bisherige Gesamtarbeit und wahrscheinlich eben auch die etwas zu große Übersetzung. Trotzdem wusste ich: Wenn ich jetzt nicht komplett auseinanderfalle, sind die zehn Stunden noch möglich… Also weiter.
Noch einmal Körner gesammelt
Irgendwann war auch das Timmelsjoch geschafft.
In der folgenden Abfahrt konnte ich endlich etwas durchschnaufen und wieder ein paar Körner sammeln. Und tatsächlich kam noch einmal etwas zurück. Im letzten Gegenanstieg hieß es deshalb: all in.
Alles, was noch da war, durfte jetzt raus…
Danach folgte die lange Abfahrt Richtung Sölden. Auch dort wollte ich keine Zeit mehr verschenken und konnte noch einmal richtig pushen. Spätestens jetzt wusste ich: Das Ding geht sich aus.
Nach 9:49:06 Stunden überquerte ich schließlich die Ziellinie in Sölden.
Sub 10. Geschafft!
Erst die Daten zeigten mir, wie hart ich wirklich gefahren bin
Im Ziel war ich natürlich einfach nur glücklich, mein großes Ziel erreicht zu haben und war sogar kurz emotional und mega überwältigt von der Stimmung im Ziel. Richtig interessant wurde es aber später bei der Auswertung meiner Garmin-Daten.
Denn so „locker und kontrolliert", wie sich einige Abschnitte während des Rennens angefühlt hatten, war das Ganze offenbar überhaupt nicht.
Garmin zeichnete bei mir 225,45 Kilometer, 5.367 Höhenmeter und 9:24:47 Stunden Bewegungszeit auf. Damit lagen zwischen meiner reinen Fahrzeit und den offiziellen 9:49:06 Stunden gerade einmal rund 24 Minuten. Für ein fast zehnstündiges Rennen inklusive Verpflegungsstellen und Stopps war das ziemlich effizient.
Meine Durchschnittsleistung lag bei 178 Watt. Bei einem Alpenmarathon mit langen Abfahrten sagt dieser Wert allerdings nur einen Teil der Wahrheit. Deutlich interessanter war meine Normalized Power von 201 Watt. Bei einer hinterlegten FTP von 246 Watt ergibt das einen rechnerischen Intensity Factor von rund 0,82 – über mehr als neun Stunden Fahrzeit. Meine FTP dürfte zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich etwas höher als die hinterlegten 246 Watt gewesen sein, trotzdem zeigt der Wert ziemlich deutlich, wie hoch die Belastung war. Es wird also Zeit mal einen FTP Test zu machen um genauere Daten zu haben .
Dazu kamen:
6.019 kJ mechanische Arbeit.
Fast 40.000 Pedalumdrehungen.
Ø Herzfrequenz 150 bpm.
Und ein aerober Training Effect von 5,0.
Mit anderen Worten: Das war kein gemütlicher Sonntag auf dem Rennrad.
Und trotzdem war hinten raus noch etwas da
Fast noch wichtiger als die nackten Zahlen ist für mich aber der Rennverlauf. Meine Garmin-Stamina sank bereits nach etwa 2,5 Stunden auf ungefähr 50 Prozent und bewegte sich ab Stunde sieben konsequent Richtung null.
Genau dort begann das Timmelsjoch. Trotzdem konnte ich mich nach diesem Tief wieder sammeln. Im Gegenanstieg und auf den letzten Kilometern Richtung Sölden waren erneut deutliche Leistungsspitzen möglich. Bei einem kompletten energetischen Knockout wäre das so kaum noch möglich gewesen.
Auch technisch blieb mein Tritt über diese enorme Distanz erstaunlich sauber. Die Pedalbalance lag am Ende bei exakt 50/50, und auch die weiteren Pedaldynamik-Werte waren links und rechts sehr ähnlich.
Für mich ein schönes Zeichen dafür, dass die Ausdauerarbeit funktioniert hat und ich ohnehin durch Das Extrem Enduro fahren einen „enorm starken Motor" habe. Die eigentliche Vorbereitungszeit ging bei mir ca. 10 Wochen vor dem Ötzi los. Davor hatte ich noch jede Menge Einheiten auf dem Motorrad und eben keine spezielle Radmarathon Vorbereitung…
Eine echte Rekordedition
Erst nach dem Rennen wurde außerdem deutlich, wie außergewöhnlich schnell der Ötztaler 2026 insgesamt gewesen war. Das Feld war extrem stark besetzt – unter anderem mit zahlreichen ehemaligen Siegern und hochklassigen Radsportlern. Gleichzeitig passten die Bedingungen und schnelle Gruppen arbeiteten auf den flacheren Streckenabschnitten gut zusammen. Bereits vor dem Rennen galt die Starterliste als eine der hochkarätigsten der vergangenen Jahre. (Presse.Tirol)
Was daraus entstand, war ein historisch schneller Ötztaler.
Jack Burke gewann in unglaublichen 6:29:21 Stunden und pulverisierte damit den bisherigen Streckenrekord von 6:47:02 Stunden. Und nicht nur Burke war schneller:
Die ersten sechs Männer unterboten den bisherigen Streckenrekord.
Auch bei den Frauen fiel der Rekord. Janine Meyer gewann zum vierten Mal in Folge und verbesserte ihre eigene Bestmarke auf 7:15:46 Stunden. (Presse.Tirol)
2026 war damit tatsächlich ein Tag der Rekorde.
Und irgendwo mittendrin war ein Hard-Enduro-Fahrer aus dem Erzgebirge, der einfach nur unbedingt unter zehn Stunden fahren wollte.
Wie ordne ich meine Leistung ein? Am Ende stand für mich offiziell 9:49:06 Stunden auf der Uhr. In der Ergebnisliste bedeutete das Platz 1.408 (584. in der Altersklasse) und damit eine Platzierung ungefähr im vorderen Drittel des gewerteten Feldes.
Natürlich gibt es immer ein Hätte, wenn und aber...
Vielleicht hätte ich das Kühtai zehn oder zwanzig Watt kontrollierter fahren können.
Vielleicht wäre mit einer leichteren Übersetzung am Timmelsjoch noch einiges möglich gewesen.
Vielleicht hätte ich mit noch mehr spezifischen Rennradkilometern hinten raus weniger verloren.
Aber genau deshalb fährt man solche Rennen. Und für mich ist bei der Einordnung etwas anderes viel wichtiger:
Ich bin kein Radmarathon-Rennrad-Spezialist. Meine eigentliche Sportart und Leidenschaft ist Hard Enduro fahren. Mein Training muss neben der Ausdauer genauso Kraft, Explosivität, Core, Griffkraft und vor allem die Belastbarkeit auf dem Motorrad abdecken. Das Rennrad ist ein wichtiger Teil davon – aber eben nur ein Teil.
Unter diesen Voraussetzungen bei einem Ötztaler 227 Kilometer und 5.500 Höhenmeter in 9:49 Stunden zu bewältigen, ist für mich persönlich eine meiner stärksten Ausdauerleistungen überhaupt.
Und vielleicht macht mich sogar noch etwas anderes stolz: Ich hatte am Fuß vom Timmelsjoch mein richtiges Tief. Ich wusste, dass ich vorher wahrscheinlich etwas zu viel investiert hatte. Die Beine wollten nicht mehr so wie ich. Aber ich bin nicht zerfallen. Ich habe das Tempo angepasst, weiter gegessen, weiter getrunken, mich über die Passhöhe gearbeitet – und danach noch einmal den Schalter umgelegt.
Genau diese Fähigkeit brauche ich auch beim Hard-Enduro. Wenn nach vielen Stunden eigentlich alles sagt, dass es langsam reicht, trotzdem einen Weg zu finden, weiterzumachen.
Ziel erreicht – jetzt wieder zurück zum eigentlichen Sport
9:49:06 Stunden. 227 Kilometer. 5.500 Höhenmeter.
Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch.
Vier Alpenpässe.
Und bei meiner ersten Teilnahme direkt die magische 10-Stunden-Marke geknackt.
Darauf bin ich verdammt stolz.
Gleichzeitig hat mir der Ötztaler gezeigt, dass meine Ausdauerbasis aktuell auf einem richtig starken Niveau ist. Mehr und mehr Rennradstunden brauche ich deshalb jetzt sicherlich nicht. Nach der notwendigen Regeneration wird es Zeit, diese Basis wieder stärker in Kraft, Explosivität, Core, Griffkraft und motorradspezifische Belastbarkeit umzubauen. Oder anders gesagt:
Aus dem Rennradfahrer wird jetzt langsam wieder ein Hard-Enduro-Fahrer
Ein großes Dankeschön geht an meine Familie, meine Freundin, meine Freunde und Unterstützer sowie natürlich an ACE Bikes Lauter und alle meine Sponsoren und Partner, die mich nicht nur bei meinen Hard-Enduro-Rennen unterstützen, sondern mir auch ermöglichen, zwischendurch solche ganz besonderen sportlichen Herausforderungen anzugehen.
Danke für euren Support!